
Quo Vadis soziale Sicherung - Interview mit Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen
28.11.2006
Vorabinterview zum Gastvortrag bei Franzen + Partner
Um unser Sozialsystem ist es mehr als schlecht bestellt. Was können wir tun? Drei Kinder in die Welt setzen und auf bessere Zeiten hoffen oder unser Geld ins Ausland schaffen und spätestens mit 60 Jahren auswandern?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Kinder in die Welt zu setzen ist immer eine gute Idee. Allerdings helfen werden sie in der gegenwärtigen Misere nicht mehr. Was demografisch kommt, das ist eigentlich durch die Vergangenheit bestimmt und die können wir nicht mehr ändern.
Allerdings keine Panik, wir haben bei der Rentenversicherung eigentlich fast schon alles geschafft; bei der Kranken- und der Pflegeversicherung steht uns jedoch alles noch bevor.
„Die Rente ist sicher“ meinte einst Nobert Blüm. Das sagen Sie nun auch. Wieso? Was macht Sie so sicher, dass die Rente, wenn auch mit Abschlägen, sicher ist?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Die zukünftigen Generationen müssen mit Beitragssätzen zwischen 22 und 24 Prozent rechnen. Einen weit darüber hinaus gehenden Beitragssatz hätten sie nicht akzeptiert. Genau den hätten wir aber abverlangen müssen, wenn wir das Rentenniveau nicht deutlich zurückgeschraubt hätten. Aber durch die langfristige Stabilisierung der Beitragssätze haben wir das Akzeptanzproblem der Rentenversicherung innerhalb der jungen Generation deutlich gemindert. Das macht mich sicher, dass die zukünftigen Einzahler dies auch leisten werden.
Kann man das, was am Ende für den Einzelnen bei der gesetzlichen Rentenversicherung herauskommt, tatsächlich noch als „Rente“ zur Finanzierung des wohlverdienten Ruhestandes, wie sie in den letzten Jahrzehnten verstanden wurde, bezeichnen?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Nun es ist eine Basisversorgung, die dabei rauskommt und keine Lebensstandartsicherung mehr. Für die Basisversorgung ist das kleinere Kollektiv der Zukunft zuständig und für die Lebensstandardsicherung ist jeder selbst verantwortlich. Wir müssen die Rente also in Zukunft als reine Basisversorgung begreifen, die bei einem Niveau von circa 20 Prozent über der Grundsicherung liegt.
Wie hoch wird die Rente sein?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Knapp 40 Prozent des durchschnittlichen Bruttoeinkommens wird die Rente im Jahre 2035 betragen. Heute liegen wir bei circa 48 Prozent. Wie hoch die Rente in Euro sein wird, lässt sich nicht voraussagen, da wir ja nicht wissen, wie sich die Wirtschaft und damit die Löhne entwickeln werden.
Was müsste man heute privat aufwänden, um auch noch in gut 30 Jahren über die Runden zu kommen?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Das hängt davon ab, wie hoch der Grad der Rentenersetzung sein soll. Was die Wissenschaft sagen kann ist Folgendes: Wenn die Lebensstandartsicherung in der Größenordnung von heute gewünscht wird, also auch noch im Jahre 2035 gut 50 Prozent des Bruttorentenniveaus, dann müssen 6 bis 7 Prozent des Einkommens an ersetzender Altersversorgung geleistet werden. Das ist allerdings eine grobe Richtformel. Wie das individuell aussieht, kommt immer auf den Einzelnen an.
Gibt es den „Königsweg“ bei der privaten Altersvorsorge?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Wenn man seinen persönlichen Vorsorgeweg finden möchte, sollte man sich von jemanden beraten lassen. Eine gute Beratung liegt dann vor, wenn der Berater sehr viele Fragen stellt und erst am Ende Antworten gibt.
Woran liegt es, dass viele Bürger sich immer noch nicht mit der privaten Altersvorsorge auseinandersetzen und sich auf der gesetzlichen Vorsorge ausruhen, frei nach dem Motto „das wird schon irgendwie reichen“?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Wir sind auf einem guten Weg. Die Masse der Menschen reagiert. Ob das reicht oder nicht ist eine zweite Frage. In den nächsten Jahren wird noch einiges passieren. Sorgen machen mir die Niedrigeinkommen, denn die machen nur wenig. Die fallen später tatsächlich relativ schnell mit ihrer Niedrigrente in die Sozialhilfe.
Die Menschen mit einem Niedrigeinkommen werden vermutlich kein Geld übrig haben, das sie beiseite legen können.
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Das mag sein, aber beispielsweise bei einem Niedrigeinkommensbezieher mit Kindern ist bei der Riester-Rente durch die Zulage der Eigenanteil sehr klein. Niedrigeinkommensbezieher ohne Kinder dagegen sind bei der Entgeltumwandlung ganz gut gestellt. Es gäbe also Möglichkeiten, die einfach nicht genutzt werden. Zu Bedenken ist, dass immer Prozente angespart werden sollen. Und 6 Prozent von wenig sind ja dann auch wenig.
Ist es unter dem Aspekt Generationsgerechtigkeit überhaupt verfassungskonform, wenn heutige Einzahler immer mehr aufwänden müssen, später immer weniger bekommen und zusätzlich noch privat vorsorgen müssen?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Die Rendite wird nominal positiv sein. Ob sie real positiv ist, darüber gibt es Streit. Ich glaube es wird eher negativ werden, insofern haben wir da ein Problem. Allerdings eher ein Akzeptanzproblem. Verfassungsrechtlich würde es erst dann kritisch werden, wenn die Nominalrendite negativ ist und das wird wahrscheinlich nicht eintreten.
Die Krankenkassenbeiträge steigen, die Leistungen sinken. Ist unser Gesundheitssystem in der althergebrachten Form noch zu retten?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Das Gesundheitssystem ist natürlich zu retten. Allerdings sind die notwendigen Reformschritte, die man anzugehen hat unter Umständen sogar noch höher und noch einschneidender, als die Reformschritte, die wir bei der Rente gemacht haben.
Was muss sich ändern und wie sehen die damit verbunden Konsequenzen aus?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Bei der Gesundheitsreform haben wir auch das Problem, dass in der langen Frist circa doppelt so viele Kranke von 2/3 der heutigen Beitragszahler zu finanzieren sind. Auch hier muss die ersetzende Gesundheitsvorsorge von den Individuen abverlangt und die gesetzliche Krankenversicherung auf eine Basisversorgung reduziert werden.
Wie bewerten Sie die aktuelle „Gesundheitsreform“?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Die aktuelle Gesundheitsreform ist nichts weiter als eine Beitragssatzerhöhung, die den Namen Reform nicht verdient.
Mitte der 90er Jahre wurde die Pflegeversicherung eingeführt. Auch hier setzte die Politik auf den Generationsvertrag, obwohl bereits bekannt war, dass die Rechnung nicht aufgehen wird. Was hätte man anders machen können beziehungsweise müssen?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Bei der Pflegeversicherung hat man eigentlich alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. Man hat den Generationsvertrag eingeführt, obwohl man wusste, dass die Generation, die den Vertrag erfüllen soll, gar nicht da sein wird, weil sie in der Vergangenheit nicht geboren worden ist. Man hat ein lohnbezogenes Beitragssatzsystem geschaffen, obwohl man wusste, dass eine Lohnerhöhung nicht zum Pflegefall führt. Das heißt, man hat eigentlich alles falsch gemacht. Jetzt haben wir das Problem, wir haben die Ansprüche, aber die entsprechenden Möglichkeiten zur Finanzierung bestehen gar nicht. 2/3 der heutigen Beitragszahler werden dreimal so vielen Pflegefällen gegenüber stehen, die darüber hinaus noch immer länger Pflegefall sein werden. Deshalb müssen wir zwangsläufig bei der Pflegeversicherung den höchsten Grad der individuellen, ersetzenden Vorsorge den Bürgern der Zukunft zumuten.
Was und wann hätte die Politik unternehmen müssen, um den Einfluss des demografischen Wandels auf die sozialen Sicherungssysteme zu unterbinden?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Wir hätten im Grunde genommen in den 80er Jahren anfangen müssen, die Demografieabhängigkeit sukzessive zu vermindern, indem wir immer stärker auf kapitalgedeckte Systeme zurückgegangen wären. In der Rentenversicherung haben wir anfangs nur zögerlich gehandelt und zum Schluss dann doch einiges auf den Weg gebracht. In der Kranken- und in der Pflegeversicherung steht alles am Anfang.
Der Verein „Büro gegen Altersdiskriminierung“ bezeichnete Sie als „Frontmann der Herren und Damen, die so zügig wie ungehindert an der feindlichen Übernahme des Sozialstaates arbeiten…“ Ist das so? Oder steckt hinter Ihrem Engagement purer Idealismus?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Ich bin Wissenschaftler und damit jemand der die Sozialversicherungssysteme berechnet und nach den Rechnungen, die wir vorlegen, müssen bestimmte Dinge getan werden. In der Wissenschaft sind diese Dinge unbestritten. In der Politik wehren sich natürlich bestimmte Interessenverbände.
Welches Feedback schlägt Ihnen von den Menschen entgegen? Sie bekommen sicherlich viele E-Mails.
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Unterschiedlich. Manche muntern auf, andere enthalten Drohungen.
Aber die lese ich gar nicht erst, sie werden gleich aussortiert.
Wie oft bekommen Sie solche Droh-E-Mails?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Das kommt immer mal wieder vor.
Können Sie mir zum Abschluss in drei Sätzen erklären, wie sich die Menschen auf die kommenden Veränderungen und finanziellen Einschnitte emotional einstellen sollten?
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen:
Ganz klar, keine Panik! Wir haben ein Problem, das ist groß, aber es gibt kein Problem, das wir nicht lösen können.
Foto:
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen
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